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Generationenverbindende Betreuung in der Corona-Krise: Schutz und Lebensqualität

Dienstag, 29.09.2020
corona-Krise. Kind trifft alte Menschen durch die Glasscheibe getrennt

Grosse Herausforderung für Generationenprojekte in Betreuungsinstitutionen

Begegnungen zwischen Altenheimbewohnerinnen und Kita-Kinder in der Corona-Krise

Generationenverbindende Begegnungen zwischen Altenheimbewohnerinnen und Kita-Kinder in der Corona-Pandemie? Es gibt wohl kaum zwei Bevölkerungsgruppen, die so umfassend und entschieden voneinander getrennt wurden wie diese beiden Altersgruppen im Betreuungsbereich. Seit Beginn der Pandemie wurden ältere und betagte Menschen als eine der Corona-Risikogruppen für schwere Krankheitsverläufe und hohes Sterberisiko eingestuft. Im Gegensatz dazu entwickeln Kinder überwiegend milde Krankheitssymptome. Zudem werden insbesondere Kleinkinder als weniger zuverlässig darin eingeschätzt, die erforderlichen Hygienemassnahmen ebenso konsequent einzuhalten wie Erwachsene. Als Folge davon wurde deshalb von staatlicher Seite während der mehrmonatigen Ausgangs- und Kontaktsperre (Lockdown) empfohlen, dass Grosseltern und Enkelkinder keinen nahen körperlichen Kontakt – insbesondere im Betreuungskontext – haben sollten, um vor allem die ältere Generation vor Ansteckung zu schützen. Die Altenbetreuungseinrichtungen entwickelten ihrerseits Schutzkonzepte, die neben den Angehörigen- und Freiwilligenkontakten auch die intergenerativen Begegnungen mit Kindern aus Betreuungseinrichtungen wie Kita, Spielgruppe oder Hort oft vollständig zum Erliegen brachten.  

Erfahrungen der Projektverantwortlichen und Reaktionen von Kindern und alten Menschen

Da Intergeneration intergenerative Begegnungen im Betreuungsbereich von Jung und Alt mit einem eigenen Förderschwerpunkt unterstützt, haben wir bei zehn Projektverantwortlichen im September 2020 nach ihren Pandemie-Erfahrungen und den Reaktionen von Kinder und alten Menschen gefragt. Hier einige Ergebnisse unserer nicht-repräsentativen Telefonumfrage:  

 

Für die befragten Projektverantwortlichen war es nachvollziehbar, dass in diversen Alterseinrichtungen gerade zu Beginn der Pandemie ein Kontaktunterbruch verfügt wurde, da eine hohe Zahl von Infektionen bei Betreuungspersonal und Bewohnern festgestellt wurde und noch wenig Wissen über die Corona-Pandemie vorhanden war. Erschwerend kam hinzu, dass im Lockdown bis Mai 2020 viele Kinder nicht mehr ihre Kinderbetreuungseinrichtungen besuchen konnten, da nur noch Familien mit systemrelevanten Berufen diese weiterhin nutzen duften.

 

Einzelne Schutzmassnahmen führten aber auch zu Irritationen: So wird von Projektverantwortlichen berichtet, dass Bastelgeschenke der Kinder an «ihre» Alten nicht vom Altenheim entgegengenommen oder die Kita bzw. Spielgruppe aus den angestammten Räumlichkeiten im Alterszentrum ausgelagert oder geschlossen wurde. Bisher gemeinsam genutzte Räume wie beispielsweise das Eingangsfoyer durfte von Kindern, Kitapersonal und deren Eltern nicht mehr betreten werden.          

 

Es wird übereinstimmend über die Reaktion auf die Corona-Kontaktsperre berichtet, dass die Kinder sowohl Vorschläge der Projektverantwortlichen aufnahmen als auch eigene Ideen einbrachten, wie die räumliche Distanz zu den Altenheimbewohnern kompensiert werden konnten. Es wurden beispielsweise selbstgemalte Bilder (laminiert und so desinfektionsgeeignet) regelmässig ins Altenheim geschickt, über Terrassen und Balkons mit Abstand gemeinsam gesungen oder – aufgrund fehlender digitaler Ausstattungen auf beiden Seiten – nur vereinzelt auch Video-Chats organisiert. 

         

Für die älteren Menschen in den Altersheimen waren alle externen Kontakte und teilweise der Austausch unter den Mitbewohnern je nach Schutzkonzept eingeschränkt bis unterbunden, so dass bei den Altersheimbewohnern eine Schicksalsergebenheit vielfach dem anfänglichen Nachfragen, wann die Kinder wiederkommen dürfen, allmählich wich. Hingegen wurden von den alten Menschen Bemühungen der Projektverantwortlichen, den Kontakt mit den Kindern durch alternative Kommunikationsformen weiterhin aufrechtzuhalten, sehr geschätzt.

Projektverantwortliche bleiben auch in der Krise im Kontakt

Nach Auffassung mehrerer Projektverantwortlichen hat sich vor allem bewährt, wenn die beiden zuständigen Kooperationspartner aus den beiden Betreuungseinrichtungen im regelmässigen Austausch geblieben sind: «Eine Zusammenarbeit wieder neu aufzugleisen, ist viel schwieriger, wenn man sich über Monate nicht mehr gesprochen hat» weist eine Kita-Leiterin auf diesen wichtigen Punkt hin.

Anhaltende Schockstarre überwinden

Nach dem Ende des Lockdowns wird nun auch von den Projektverantwortlichen wahrgenommen, dass die meisten Alteneinrichtungen weiterhin sehr zögerlich die Isolationsmassnahmen lockern. Inzwischen sind Angehörige und Freiwillige in den Alterszentren zwar wieder zugelassen, aber erste Anfragen von Projektverantwortlichen für intergenerative Aktivitäten werden weiterhin mit wenigen Ausnahmen abschlägig beschieden. Nur wenige Projektverantwortliche konnten konkret über den Neubeginn intergenerativer Begegnungen und Aktivitäten bei unserer Umfrage berichten.

 

Im Gegensatz zu Kinderbetreuungseinrichtungen stehen Altersbetreuungsinstitutionen weiterhin unter besonderen Druck, da ihre eher betagte Betreuungsklientel als zentrale Corona-Risikogruppe besonders effizient vor Ansteckung geschützt werden muss. Inzwischen hat sich aber gezeigt, dass die Verhältnismässigkeit der Isolationsmassnahmen auch in Hinblick auf die Lebensqualität der alten Menschen betrachtet werden sollten. Dieses Dilemma ist auch den befragten Projektverantwortlichen bewusst und sie wünschen sich einen Dialog, um gemeinsam neue Lösungen auch für intergenerative Betreuungsaktivitäten zu entwickeln.

Gemeinsam Ideen entwickeln für mehr Lebensqualität

Durch die Corona-Pandemie haben sich die bisher schon überzeugenden Gründe für eine generationenverbindende Betreuung nicht geändert. Generationenbegegnungen fördern das gegenseitige Verständnis und Wissen von Jung und Alt und erhöhen die Lebensqualität. Auch in der Corona-Krise können intergenerative Begegnungen einen konstruktiven Beitrag leisten. Intergeneration wird deshalb ein virtuelles Austauschtreffen zur Unterstützung der Projektverantwortlichen organisieren, um gemeinsam Ideen zu entwickeln oder gute Praxisbeispiele für Generationenbegegnungen auch während der anhaltenden Corona-Pandemie auszutauschen. Falls Sie Interesse daran haben, kontaktieren Sie uns per E-Mail unter info@intergeneration.ch       

 

Zum Schluss einige Empfehlungen für generationenverbindende Betreuungsaktivitäten, die aus den Gesprächen abgeleitet werden konnten:

  • Bleiben Sie im regelmässigen Kontakt mit Ihren direkten Kooperationspartnern – auch bei einer zeitweiligen Unterbrechung der intergenerativen Aktivitäten.
    Falls Sie schon über eine längere Zeit keinen Kontakt hatten, melden Sie sich jetzt! Intergenerative Betreuung bedeutet auch immer einen fachübergreifenden Austausch und fachfremde Rahmenbedingungen. Dafür braucht es einen Dialog der Projektverantwortlichen beider Betreuungseinrichtungen.
  • Planen Sie Aktivitäten in ca. Zwei-Monats-Schritten: So kann einigermassen kurzfristig auf Verschärfungen und Lockerungen der Corona-Verordnungen reagiert werden. Planen Sie in Alternativen, um situativ auf Änderungen der Corona-Bestimmungen reagieren zu können.
  • Entwickeln Sie für den Wiederanfang einfache und kürzere Aktivitäten, die sich gut in den Tagesablauf beider Institutionen unter Corona-Bedingungen einfügen lassen.
  • Halten Sie die Gruppen klein und dokumentieren Sie immer die Teilnahme aller Anwesenden (Contact-Tracing) bei allen intergenerativen Begegnungen. Tauschen Sie sich mit Ihren Kooperationspartnern über Corona-Krankheitsfälle in den beteiligten beiden Einrichtungen aus.    
  • Die geltenden Hygienemassnahmen (Abstand, Hand-Desinfektion, Maske, etc.) sind bei intergenerativen Begegnungen immer einzuhalten.  Mehrere Projektverantwortliche aus dem Kinderbetreuungsbereich berichten, dass sich auch die Vorschulkinder bereits an diese Massnahmen gewöhnt haben und diese akzeptieren.   
  • Prüfen Sie Ihre räumlichen Rahmenbedingungen und auch die Eignung der Umgebung der beiden Betreuungseinrichtungen für alternative Begegnungsorte. Parks, Gärten, Terrassen und Balkons bieten sich durch die Frischluftzirkulation besonders an.

 

Ein Blogbeitrag von Monika Blau, Intergeneration

 

Foto: iStock.com

 

 

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