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Gefordert und solidarisch: Jugend in Zeiten von Corona

Dienstag, 06.04.2021
Gefordert und solidarisch: Jugend in Zeiten von Corona halten sich an die Schutz-Massnahmen

Zwei Perspektiven zur Generationensolidarität in der Corona-Krise

Die Solidarität zwischen den Generationen in der Corona-Pandemie ist ein wichtiges Thema und zentral für den Zusammenhalt in der Gesellschaft. Gerade in der Corona-Krise wird immer mehr deutlich, dass dabei auch eine ausserfamiliäre Generationensolidarität notwendig ist. Doch wie steht es aktuell um die Generationensolidarität? Was beschäftigt Jung und Alt besonders? Wo liegen die Knackpunkte und was braucht es, um gerade die ausserfamiliäre Solidarität zu stärken? Intergeneration hat zwei Akteure aus dem Alters- und Jugendbereich eingeladen, ihre Perspektiven darzustellen. In zwei Gastbeiträgen präsentieren die Pro Juventute (Direktorin Katja Schönenberger) und die Pro Senectute (Direktor Alain Huber) ihre Sicht. Der zweite Gastbeitrag der Pro Senectute wird in Kürze veröffentlicht. 

Gefordert und solidarisch: Jugend in Zeiten von Corona

Ein Gastbeitrag von Katja Schönenberger, Direktorin Pro Juventute

 

Die Pandemie ist eine grosse Herausforderung für Kinder, Jugendliche und ihre Familien. Unsere Beraterinnen und Berater sind mehr denn je gefordert. Die Jugendlichen vermissen ihre Freunde, sind psychisch belastet und haben Zukunftsangst. Doch trotz allem gibt es auch Hoffnungsvolles. Denn die junge Generation beweist früh, dass sie bereit ist, ihren Teil zur Eindämmung der Pandemie beizutragen.

 

Jugendliche kaufen für Senioren ein, Studenten bringen die Einkäufe für Personen der Risikopersonen nach Hause, Kinder bringen den Grosseltern Zeichnungen in den Briefkasten: Vor einem Jahr zeigen diese Schlagzeilen bereits, dass die jüngste Generation bereit ist, in der Krise als Teil der Gesellschaft ihren Beitrag zu leisten. 

 

Auch heute nach einem Jahr Pandemie zeigt sich das Bild einer solidarischen Jugend. Sie tragen Maske, halten Abstand, verhalten sich grösstenteils vorbildlich, meistern als «Digital Natives» neue Lern- und Arbeitsformen und erwerben so neue Kompetenzen und schulen ihre Krisenfähigkeit.  

 

Wir merken in unseren Beratungen beim 147.ch täglich: Die grosse Mehrheit der Jugendlichen trägt die Corona-Massnahmen mit und zeigt sich so solidarisch mit besonders gefährdeten Personen und der älteren Generation. Daher ist es für uns als grösste Fachorganisation wichtig, dass wir uns auch solidarisch gegenüber den Jugendlichen zeigen und ihre Sorgen, Ängste und Bedürfnisse ernst nehmen. Denn sie leiden in der Pandemie, wie der folgende Einblick in die Beratungstätigkeit zeigt.

Fehlende Freunde und mehr familiäre Konflikte

«Seit Corona habe ich häufig Streit mit meinen Eltern. Ich möchte mehr mit Kolleginnen was machen, aber das wollen sie nicht wegen dem Virus. Ich verstehe auch, dass die Krankheit gefährlich sein kann und habe auch Angst um meine Grosseltern. Aber ich habe auch Angst, dass ich den Anschluss in der Klasse verpasse.»

 

So wie die 14-jährige Sarah* wenden sich 2020 zahlreiche Jugendliche aus der ganzen Schweiz an das Beratungsangebot 147 von Pro Juventute. Die Einschränkungen des Soziallebens machen den Jugendlichen am meisten zu schaffen. Für Kinder und Jugendliche ist der Austausch mit Gleichaltrigen sehr wichtig für die Entwicklung. Viele, die sich bei unseren Beraterinnen und Beratern melden, fürchten sich, ihre Freunde zu verlieren. Die Beratungen zu diesem Thema haben um 93 Prozent gegenüber dem Vorjahr zugenommen. 

 

Weil es kaum Ausgangsmöglichkeiten gibt und die Kontakte reduziert werden müssen, sind die Jugendlichen seit einem Jahr mehr oder weniger zu Hause. Und da ist es nicht immer harmonisch. Die Beratungen zu familiären Konflikten steigen an. Zwischen März und Mai 2020 führen die Beraterinnen und Berater von 147 fast 70 Prozent mehr Beratungen zu häuslicher Gewalt durch. Auch die Polizei und weitere Beratungsstellen melden eine Zunahme bei häuslicher Gewalt während des ersten Lockdowns im Frühling 2020.

 

Auch die psychische Belastung für Kinder und Jugendliche ist gross. Während der zweiten Welle von Oktober bis Dezember nahmen unsere Beratungen zur psychischen Gesundheit denn auch um 40 Prozent gegenüber der Vorjahresperiode zu. Auch Kinder- und Jugendpsychiatrien schlagen Alarm. Sie sind stark ausgelastet und ernsthafte Suizidabsichten bei Kindern und Jugendliche nehmen gemäss ihren Angaben zu.

Zukunftsangst und hohe psychische Belastung

Schulschliessungen und Fernunterricht hatten auch Auswirkungen auf den Lernerfolg und -fortschritt von Kindern und Jugendlichen. Das zeigen inzwischen verschiedene Studien. Während manche Schülerinnen und Schüler damit gut zurechtkommen, werden andere abgehängt. Insgesamt kamen jüngere Kinder mit Fernunterricht schlechter zurecht. Es drohen Kinder und Jugendliche zurückzubleiben, denen die technische Infrastruktur oder Unterstützungsmöglichkeiten dafür zuhause fehlen. Bereits bestehende Ungleichheiten bei Bildung und Berufsaussichten werden durch die Krise verschärft. 

 

Auch wenn die Situation auf dem Lehrstellenmarkt derzeit noch gut aussieht, beschäftigt die Frage der Berufswahl die Jugendlichen. Schnuppertage sind häufig nicht möglich oder nur gänzlich virtuell durchführbar, Weiterbeschäftigungen nach der Lehre ungewiss. Im Januar 2021 waren 17’000 Jugendliche arbeitslos. Ein Jahr zuvor waren es noch 5000 weniger.

Solidarität in beiden Richtungen ist wichtig

Pro Juventute hat seit Ausbruch der Pandemie gegenüber Bundesrat und Kantonen immer wieder die Anliegen von Kindern und Jugendlichen eingebracht. Wir begrüssen, dass sich auch dank unserer Arbeit der Konsens herrscht, dass Schulschliessung eine Ultima Ratio bleiben. Auch ist es grossartig, dass Jugendliche unter 20 Jahren wieder gemeinsam Sport treiben und sich im Jugendtreff sehen dürfen. Dass die Staatspolitische Kommission des Ständerats im Februar 2021 grünes Licht für das Stimmrechtsalter 16 gibt, ist ein wichtiger erster Schritt für mehr Mitbestimmung der jungen Generation. 

 

Langsam zeigt sich in der Pandemie ein Licht am Ende des Tunnels und immer mehr Risikopatienten sind geimpft. Belohnen wir bei den anstehenden Lockerungen die Geduld und die Solidarität der jüngsten Generation und schaffen wir für sie Arbeitsplätze, Perspektiven und Möglichkeiten für den Austausch. So zeigen wir uns auch solidarisch mit ihnen. Dafür setzt sich Pro Juventute ein. 

 

*Beispiel ist anonymisiert 

 

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Katja Schönenberger, Direktorin Pro Juventute, zur Situation der Jugend und Generationensolidarität in Zeiten von Corona

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