Verein Munterwegs

Mentoringprogramm MUNTERwegs

Erlebnisbericht eines engagierten MUNTERwegs Mentors aus Root (LU)

Montag, 05.03.2018
Anker und Knabe

MUNTERwegs MentorInnen sind „Möglichmacher“: Sie basteln und spielen mit Kindern, bringen als Kulturlotsen die Kleinen in Museen und Bibliotheken oder zeigen ihnen tolle Freizeitplätze in der näheren Umgebung. Dabei findet jeder Freiwillige seinen eigenen Weg, sich mit seinen besonderen Stärken bei MUNTERwegs einzubringen. Mit diesem Integrationsprogramm fördern wir zusammen mit unseren engagierten MentorInnen die soziale Mobilität unserer kleinen TeilnehmerInnen. MUNTERwegs bietet diesen Kindern Chancengleichheit. Das Mentoringprogramm fördert aber gleichzeitig auch den Austausch zwischen Jung und Alt und stärkt das Verständnis zwischen den Generationen und Kulturen. Meist ist es eine Win-Win-Geschichte, die Gross und Klein bereichert. Lesen Sie hierzu den Erlebnisbericht des engagierten MUNTERwegs Mentors, Franz Müller aus Root:

 

Es ist Samstag, 10:00 Uhr. Ich bin mit dem Auto unterwegs um Metin abzuholen. Neben mir liegt ein Kindersitz bereit. Metin ist ein aufgeweckter Knabe. Der Viertklässler wohnt mit seinen Eltern und seinen beiden Geschwistern in Root. Sein wichtigstes Hobby ist Fussball und sein Wunsch ist es, später einmal für die syrische Nationalmannschaft zu spielen. Daneben besucht er Geigenunterricht. Für dieses Hobby ist Metins Begeisterung nicht ganz so gross. Metin und ich sehen uns über die Dauer von 8 Monaten cirka zwei Mal pro Monat jeweils für ein paar Stunden, meist mittwochs oder samstags.

 

Heute nehmen wir zusammen den Mittagseinkauf vor. Die Menueauswahl wird bei jedem Treffen vielfältiger, wir können ein wenig experimentieren. Metin hilft gerne kochen. Beim Rüsten pickt er Rohkost. Nicht so wichtig ist was wir kochen – solange Hörnli mit dabei sind. Beim Essen lege ich Wert darauf, dass die Tischmanieren nicht zu kurz kommen. Beim Abwasch summt Metin zufrieden das in der Schule erlernte Lied “Das alte Haus von Rocky Docky“. Zwischendurch lässt sich Metin ablenken und besprüht alle meine Pflanzen zum x-ten Mal mit Wasser. Am Nachmittag möchte Metin meine Ferienphotos ansehen. «Wann gehen wir zusammen nach Botswana?» Er will genau wissen, wie sich das anfühlt beim Übernachten, wenn die wilden Tiere auf der Jagd sind, meist auch ganz nah und unüberhörbar vor dem Zelt. Metin holt die Spielkiste hervor. Natürlich will er sich verbessern im Mühlespiel. Er weiss mittlerweile, dass er nicht gewinnen kann, wenn er seine Knöpfe partout immer in den Ecken platziert. Das Tagebuch mag Metin nicht. Ich kann ihn nicht motivieren, darin unsere Erlebnisse wie vorgesehen festzuhalten.

 

Gegen 16:00 Uhr bringe ich Metin nach Hause. Von seinen Eltern werde ich willkommen geheissen. Die Gastfreundschaft wird grossgeschrieben. Ein Kaffee wird serviert, dann der saubere Boden freigemacht. Die Speisen werden auf der am Boden ausgelegten Decke verteilt. Ich kriege ein Kissen, damit es mir am Boden bequemer ist. Metins Vater nimmt mir den Teller aus der Hand und überfüllt ihn masslos. Draussen beim Verabschieden erklärt er mir, dass sein alter Vater – der ebenfalls anwesend war – das so will. Das vielfältige kurdische Essen, vom Salat bis zu den Süssspeisen, ist hervorragend zubereitet und gewürzt und schmeckt mir sehr.

 

Vor ein paar Wochen haben wir den Tierpark Goldau besucht. Trotz Dauerregen hatten wir Spass. Wir wetteiferten, wer zuerst oben auf dem 30 Meter hohen Turm ist. Die Fütterung der Bären und Wölfe verfolgten wir interessiert. Die Braunbären im Tierpark sind syrischer Herkunft. Metin meldet sich bei der Rangerin als er das hört. Er kommt ebenfalls von Syrien und hat viel erlebt, erzählt jedoch wenig davon. In Syrien hat er noch nie Braunbären gesehen. Die Wildschweine mag er nicht so. Sie kriegen keine Rüebli.

 

Bei unserem ersten Treffen vor drei Monaten war ich gefordert. Metin ist sehr vif, kein Knopf wurde nicht gedreht, kein Hebel blieb an seinem Ort. Am Computer suchten wir nach einer Zirkusveranstaltung. „Aber keine Kindervorstellung!“ sagte er bestimmt. Mein Auto wollte er am liebsten selber starten, als er sich auf den Fahrersitz drängte. Bei der Küchenarbeit erkundigte er sich, warum er alles selber machen muss.

 

Zwischenzeitlich kennen wir uns viel besser, unsere gemeinsame Zeit wird immer schöner. Metin möchte jeweils das Nachhause bringen hinauszögern und er hält die Grenzen ein, die ich ihm setze. Ich möchte Metin im Rahmen unserer Möglichkeiten hinführen zu Sorgfalt, vorleben was ein Gentleman ist, aufzeigen, weshalb es erfüllend ist, sich für eine Sache zu engagieren.

 

Seit letztem Frühling verfüge ich über viel Freizeit. Ich suchte nach einer Beschäftigung mit Inhalt und die mir Freude bereitet. Im Zusammenhang mit Freiwilligenarbeit stiess ich auf die Organisation «MUNTERwegs», bewarb mich als Mentor und wurde angenommen. Der Umgang mit Kindern motiviert und interessiert mich, liegt mir nahe. Was hat sich in der Erziehung verändert, seitdem meine Töchter Kinder waren? Die professionelle Unterstützung durch «MUNTERwegs», der Austausch unter MentorInnen beantwortet viele meiner Fragen.

Metin und ich haben viele Pläne, die wir im Frühling/Sommer umsetzen können. Wir wollen in die Natur, an Bächen fischen, feuern und Schlangenbrot über der heissen Glut backen. Wir wollen den Pilatus erklimmen und mit dem Motorrad Pässe befahren. Ich freue mich auf die gemeinsame Zeit mit Metin.

 

Wollen auch Sie mit uns „MUNTERwegs“ sein und für die Zukunft eines Kindes ein „Möglichmacher“ werden? Im Herbst 2018 starten wir mit einer neuen Mentoringgruppe. Wir freuen uns auf Ihren Kontakt! www.munterwegs.eu - info@munterwegs.eu.

 

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