Altersreform2020: Weshalb für meine Generation das «Stöckli» ein Fremdwort ist

Freitag, 08.09.2017
Altersreform 2020

 

Ein Gastbeitrag von Luzian Franzini, Co-Präsident Junge Grüne Schweiz.

 

Kennen Sie den Begriff “Stöckli” noch? Falls Sie zu meiner Generation gehören, ist die Chance ziemlich klein, dass das schweizerdeutsche Wort für das kleine Altershäuschen der Grosseltern auf dem Bauernhof noch in Ihrem Wortschatz vorhanden ist. Das “Stöckli” steht stellvertretend für eine Zeit vor 1947, eine Zeit ohne staatliche Altersvorsorge. 

 

Ohne die AHV war es normal, dass die Grosseltern in der Familie blieben und von ihr gepflegt wurden. Auch wenn das Zusammenleben mehrerer Generationen sicherlich auch eine Bereicherung war, stellte die fehlende Altersvorsorge gerade für ärmere Familien eine grosse Belastung dar. So lebten 1947 vier von fünf Rentner*innen in Altersarmut. Die Einführung der AHV war somit für tausende von Familien in der Schweiz eine riesige Erleichterung und ein enormer Akt der Generationensolidarität. So bezahlte fortan eine Generation von Arbeiter*innen die aktuelle Rente der Grosseltern, die selbst gar nie in die AHV einbezahlt hatten.

 

Seither wird die AHV immer wieder schlechtgeredet und von einem reaktionären Kreis von Neoliberalen totgesagt. Auch die Forderungen nach Rentenkürzungen und der Erhöhung des Rentenalters sind nicht neu, sondern Teil des Programms. Während nämlich eine starke AHV die Geschäftsmöglichkeiten von privaten Versicherungen einschränkt, öffnet eine schwache AHV die Märkte für die Zusatzvorsorge.

 

Befragungen zeigen es immer wieder: Obwohl wir jungen Menschen in einer extrem individualisierten Gesellschaft aufgewachsen sind, bedeutet uns die Generationensolidarität viel. Meine Generation weiss, dass die ältere und arbeitende Bevölkerung unsere gute und zukunftsweisende Schuldbildung ermöglicht. Und es sind auch die Grosseltern, welche die vielen fehlenden Krippenplätze mit persönlichem Engagement abfedern und auf die Grosskinder aufpassen.

 

Die junge Generation erlebt diese tägliche Freiwilligenarbeit von älteren Menschen mit und lässt sich deshalb auch kaum von der bürgerlichen Kampfrhetorik beeindrucken. Zu widersprüchlich erscheint die Behauptung, dass Pensionierte ein Haufen reicher Sozialschmarotzer*innen seien. Auch die Zahlen sprechen eine andere Sprache: 300’000 Menschen sind in der Schweiz von Altersarmut betroffen, ein europäischer Rekord! Somit sind auch die 70 Franken zusätzliche AHV, welche die Reform beinhaltet, mehr als nur ein «Zückerchen». Diese 70 Franken können das Leben von Rentner*innen entscheidend erleichtern.

 

Während der Austausch und die Unterstützung zwischen Alt und Jung gut funktioniert, hapert es jedoch mit der Solidarität der reichsten 10 Prozent mit den restlichen 90 Prozent der Wohnbevölkerung. So wurde in den letzten Jahren nicht nur die steuerliche Durchschnittsbelastung für Reiche gesenkt, sondern auch die Löhne zum Grossteil nur bei Gutverdienenden ausgebaut. Die Wohlhabendsten 2 Prozent besitzen in der Schweiz mittlerweile die Hälfte des gesamten Vermögens. Künftige Reformen in der Altersvorsorge dürfen nicht die lebenslangen «Chrampfer», welche nun ihre wohlverdiente Rente in Anspruch nehmen wollen, als Problemverursacher darstellen. Bei einer gerechten Verteilung unseres Wohlstandes würde es nämlich sogar für eine Senkung des Rentenalters reichen.

 

Ich will nicht in die Zeit der Stöckli und Armenhäuser für betagte Menschen zurück und weiterhin auf eine staatliche Altersvorsorge zählen können. Da die Finanzmärkte auch die kommenden Jahre instabil und voller Spekulationsblasen sein werden, lösen wir mit der Altersreform 2020 nicht alle Probleme in der Vorsorgepolitik. Sie verschafft uns jedoch die nötige Zeit für grundlegende und solidarische Reformen. Und ich bin überzeugt: Wenn sich die alte und junge Generation nicht gegeneinander ausspielen lässt und gemeinsam anpackt kommt’s gut!

 

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Zur Abstimmung über die Reform Altersvorsorge 2020 veröffentlicht Intergeneration zwei Gastbeiträge unter dem Aspekt der Generationensolidarität. Hier finden Sie einen Überblick. Den Beitrag von Regine Sauter finden Sie hier

 

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