Kommunale Generationenprojekte: Wer bezahlt wofür?

Mittwoch, 16.09.2015
Jung und Alt: Sofa – Generationenprojekt

 

Projekte, die den Austausch zwischen den Generationen fördern, haben in verschiedener Hinsicht ein grosses Potential. Dennoch werden sie von Städten und Gemeinden noch immer stiefmütterlich behandelt.

 

Wie sollen sich Städte und Gemeinden auf den demografischen Wandel vorbereiten? Der Schweizerische Städteverband wird im kommenden November eine Tagung zu dieser Frage lancieren. Verschiedene Aspekte der Alters- und Generationenpolitik werden dabei zur Sprache kommen, unter anderem auch der Stellenwert, der generationenverbindenden Projekten zugeschrieben wird.

Allzu hoch dürfte er nicht ausfallen, zumindest nicht, wenn man einen Blick zurück wirft, in den Schlussbericht der Online-Umfrage, die der Städteverband im Sommer 2014 publizierte. Die von der Berner Agentur Ecoplan durchgeführte Studie lieferte punkto Generationenprojekte nämlich eher nüchterne Ergebnisse: Während 95 Prozent der Schweizer Städte das Thema „Wohnen“ als wichtigste strategische Grundlage nannte, figurierte „Generationenaustausch und –beziehungen“ lediglich an elfter Stelle.

Eher unter ferner liefen figuriert das Thema auch unter der Rubrik „Eigene Massnahmen oder Projekte“: Rund zwei Drittel aller Schweizer Städte setzen ihre finanziellen Ressourcen in erster Linie im Bereich „Kommunikation und Information“ ein (68%) – Generationenprojekte machen 39 Prozent der städtischen Projekte aus. Städte koordinieren auch Projekte Dritter: Das Thema „Wohnen im Alter“ steht dabei mit 50% an oberster Stelle – Generationenprojekte machen 34 Prozent aller Kooperationen aus.

 

Kanton Tessin überrascht

Letzterer Punkt mag erstaunen. Denn Projekte, die den Austausch zwischen den Generationen fördern, sind nicht zwingend kostspielig. Sie können niederschwellig, sprich, aus der Zivilgesellschaft entstehen. Die Frage drängt sich somit auf, ob sich Städte und Gemeinden der Wichtigkeit des Generationenaustausches genügend bewusst sind. Interessant ist in diesem Zusammenhang der markante Unterschied zwischen der Deutschen und der Italienisch sprechenden Schweiz. Er zeigte sich anhand der Frage, zu welchen Themen der Alterspolitik in den Städten politische Vorstösse und Initiativen eingereicht werden: „Generationenaustausch und –beziehungen“ stand im Kanton Tessin zusammen mit „Soziale Einbindung/Teilnahme am gesellschaftlichen Leben“ ganz oben auf der Liste (59%). In der Deutschschweiz waren es nur 15 Prozent in der erste Kategorie, in der zweiten 25 Prozent. „Langzeitpflege und Betreuung“ werden in der Deutschschweiz hingegen stark gefördert (55%) und im Tessin nur wenig (12%). Wie ist dieser Unterschied zu verstehen?

Der am Zentrum für Demokratie in Aarau als Research Associate tätige Politologe Philippe Koch erklärt ihn mit kulturellen Unterschieden: In südlichen Regionen würden die Aufgaben von Familie und Staat anders verstanden als in der Deutschschweiz. „Grosseltern werden im Süden systematischer und kontinuierlicher einbezogen als bei uns“, meint Koch. Der Staat bleibe Punkto Betreuung deshalb grundsätzlich eher passiv. In urbanen Regionen der Deutschschweiz hingegen werde davon ausgegangen, dass der Staat entsprechende Aktivitäten konzipiert.

 

Hilfe vom Bund?

Dies zeigte sich in der Befragung sehr deutlich: Von 61 Städten wünschten sich neun Städte vom Bund eine „Nationale Strategie zu alterspolitischen Herausforderungen“. Acht Städte erwarteten, dass der Bund sich um die finanzielle Sicherung der Altersvorsorge kümmert und sieben Städte gaben an, der Bund solle sich für Leitlinien und einen Austausch von Best Practices engagieren.

Phillipe Koch, der zusammen mit Thomas Widmer, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Zürich, den Einfluss der Gemeinden auf bürgerinitiiertem Alterswohnen untersuchte, sagt dazu: „Projekte, die verschiedene Generationen zusammenbringen, sind in der Regel nicht sehr kostenintensiv. Die Art und Weise, wie die Zivilgesellschaft sie übernimmt, ist sehr verschieden: Es gibt Gemeinden, die sehr aktiv sind, andere überhaupt nicht.“ Was eine Förderung durch den Bund betrifft, ist Koch skeptisch. Der administrative Aufwand, den eine Zusammenarbeit mit dem Bund oft mit sich bringt, würde sich für viele Gemeinden nicht lohnen. Nützlich sein könnte laut Koch ein Monitoring einer kantonalen Fachstelle. Nur: Die Kantone stehen auf der Sparbremse, und Generationenprojekte gehören nicht unbedingt Eins zu Eins zu den vorgesehenen Förderungen.

 

Ein Blogbeitrag von Daniela Kuhn  

 

Alterspolitik-Studie des Schweizerischen Städteverbands 

Foto: das Sofa, ein kommunales Generationenprojekt aus Basel

 

Was ist Ihre Meinung oder Erfahrung zum aktuellen Stellenwert von Generationenprojekten in den Städten?

 

Kommentar hinzufügen