Komm wir malen eine Sonne!

Dienstag, 05.02.2013

„Da gehören noch ein paar Strahlen dran - sonst scheint die Sonne gar nicht richtig!“ Der kleine Yussuf* überlegt und macht mit wenigen Strichen aus dem Kreis eine Sonne. Mit Mund und Augen lacht sie sogar. Frau K. will trotzdem nicht mitmalen. Ihre Finger umkrampfen den Bleistift. „Nein, weg, aus!“. Frau K. ist dement wie alle anderen BewohnerInnen der WOGE. In Freiburg (Breisgau) gelegen finden hier regelmässig Begegnungen zwischen Kinder aus der KiTa Wiesengrün und den betagten an Demenz Erkrankten aus der Wohngruppe statt. 

 

Ich bin heute Gast einer solchen Begegnung. Es sind 45 Minuten in denen gemeinsam gespielt, gesungen und gemalt wird. Die Kinder freuen sich schon lange auf den Besuch. Oft wollen mehr von ihnen mit als eigentlich zugelassen sind. Es sollen möglichst gleich viele Kinder wie Erwachsene teilnehmen. Der Erfolg dieser Treffen ist messbar: Je mehr sich die Erwachsenen öffnen und auf die Jungen reagieren, je grösser ist das Interesse der Kinder am gemeinsamen Spielen. Kommt keine Rückmeldung von den Älteren, bleiben sie lieber weg. Die Moderation der Begegnungen durch die begleitenden MitarbeiterInnen aus beiden Einrichtungen sowie Angehörigen und Freiwilligen ist daher enorm wichtig. Eine initiale Vermittlung zwischen Jung und Alt ist ebenso notwendig wie konkrete Themen, die vorbereitet werden müssen. Doch zu viel an Geschichten, Spielanleitungen und Demonstration tut nicht gut, weiss Frau Westermann aus der KiTa. Es braucht Zeit, um zueinander zu finden. Die Begegnungen haben einen ritualisierten Ablauf: Zur Begrüssung und zum Abschied wird gemeinsam gesungen, es wird einander zugewinkt und alle werden dabei mit Namen angesprochen.

 

Alle haben etwas davon

Von den Begegnungen profitieren alle Beteiligten: Bei den demenziell Erkrankten ist ein momentanes Wohlfühlen und Zufriedenheit deutlich sichtbar. Ein Strahlen zaubert sich auf das Gesicht der im Rollstuhl sitzenden Frau. Auch wenn sie sich nicht artikulieren kann, die Kinder spüren den Erfolg ihrer Kontakt- und Spielangebote. Sie nehmen Veränderungen bei den Bewohnern deutlich wahr und freuen sich über ihren Erfolg. Ihre soziale und emotionale Kompetenz wächst durch dieses Beisammensein. Am Anfang entsteht ein Blickkontakt, der womöglich Erinnerungen bei den Dementen wachruft. Plötzlich fängt Frau O. an, im Beisein der Kinder zu sprechen. Das hat sie vorher kaum getan. Lebhaft gestikuliert sie und die Kinder zeigen das eben Gemalte. Ein Bild erhält eine Widmung und wird zum Geschenk an eine Bewohnerin. In der Woge und in der Wiesengrün sind Objekte gemeinsamer Tätigkeit zu sehen. 

 

Bewegung kann bei Demenz helfen

 

Heute malen die Kinder an einem Tisch in der Mitte des Raumes und die Erwachsenen sitzen hinter ihnen. Diese Situation ist weniger hilfreich als bei einer zurückliegenden Stunde. Hier sass man gemeinsam an einem grossen Tisch und baute eine Murmelbahn, berichtet Felicitas Frick, die in der Woge ein halbjähriges Praktikum im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes absolviert. Da gab es viel Bewegung, Murmeln und auch Bälle wurden gerollt. Die BewohnerInnen haben sich aktiv beteiligt und sind förmlich aufgelebt. Kein Wunder, denn die positive Wirkung von Bewegung auf Demente ist wissenschaftlich belegt. Siehe dazu das Dossier «Let’s move – Bewegung und Demenz» PDF 1MB 

Eine weitere Bewegungsform die sich in der Begegnung von jungen und älteren Menschen eignet, ist der Tanz. Sei es als gemeinsames „Ringelreihen“ oder bei Hochaltrigen mit Handicaps ein Sitztanz. 

 

Wissenschaftliche Begleitung

Diese Praxis regelmässiger Zusammenkünfte wird von einem Forscherteam über drei Jahre begleitet. Das Projekt «Begegnungen»  beobachtet und analysiert das gemeinsame Agieren von Hochaltrigen und Vorschulkindern und sammelt Erkenntnisse zur Verbesserung von Lebensqualität und sozialer Teilhabe. Beteiligt sind drei Kindertagesstätten sowie zwei Pflegeheime und eine Wohngruppe für Menschen mit Demenz in Freiburg und Waldkirch (Baden-Württemberg / Deutschland). Durchgeführt wird die Studien an der Evangelischen Hochschule Freiburg von zwei Instituten: Dem Zentrum für Kinder- und Jugendforschung (ZfKJ) sowie dem Institut für angewandte Sozialforschung (AGP). Die Ergebnisse werden sowohl in Fachzeitschriften als auch in Form eines Praxis-Handbuches veröffentlicht. Erste Ergebnisse und das Handbuch werden auf einem Symposium im Februar vorgestellt. (Siehe Ankündigung )

 

Herr F. ist in seinem Rollstuhl erwacht. Er schaut den Kinder nach, die sich anziehen, um in die KiTa zurück zu gehen. Vielleicht freut er sich ebenso wie sie auf den Besuch in der kommenden Woche.

 

Ich danke Frau Dr. Rönnau-Böse (ZfKJ) und Herrn Norman Pankratz (AGP) für die Einladung und herzliche Begleitung vor Ort.

 

*Name geändert

 

Ein Blogbeitrag von Michael Hausammann

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