Im Blog: Prof. François Höpflinger Generationenbeziehungen zwischen Enkeln und Grosseltern

Montag, 05.11.2012

Das idealisierte, aber relativ offene Bild von Grosselternschaft erlaubt viele Freiräume in der konkreten Gestaltung der Beziehung zu Enkelkindern: Von Grosseltern wird ein positiver Einfluss idealerweise erwartet, aber da sie gleichzeitig keine Erziehungsverantwortung haben (dürfen), sind sie in der persönlichen Gestaltung der Beziehung zur jüngsten Generation recht frei. Die familiale Altersrolle „Grossmutter’ bzw. „Grossvater“ erlaubt ‚späte Freiheiten’ im Umgang mit der jüngsten Generation, und es mehren sich die Hinweise, dass neue Generationen von Grosseltern die ‚alten Idealbilder’ zur Grosselternschaft gezielt zur Konstruktion einer post-modernen Gestaltung von Generationenbeziehungen einsetzen. Da die Generationendifferenz zwischen Grosseltern und Enkelkindern von vornherein ausgeprägt ist, können sich Grosseltern weitaus mehr als die Eltern auf das Niveau der jüngsten Generation zu bewegen. Im Umgang mit Enkelkindern können Grosseltern etwa unbeschwert an frühere Phasen familialen Lebens (Umgang mit Kleinkindern, später Schulkindern und Teenagern) anknüpfen, ohne dafür die Erziehungsverantwortung tragen zu müssen.

 

Werden heranwachsende Enkelkinder und ihre Grosseltern über ihre persönliche Beziehung zur jeweilig anderen Generation befragt, wird eine durchaus lebendige und mehrheitlich positiv eingeschätzte Beziehung sichtbar, und Grosseltern – und vor allem aktive, gesunde und an der Jugend interessierte – Grosseltern sind auch für heranwachsende Enkelkinder oftmals wichtige familiale Bezugspersonen, wobei die heutige Bedeutung von Grosseltern für Schulkinder und Jugendliche gerade darin besteht, dass Grosseltern jenseits von Schul- und Berufsstress stehen. Damit können sie Kindern und Jugendlichen im Idealfall etwas anbieten, was in allen anderen Lebensbereichen mangelhaft ist: Zeit, Gelassenheit und eine soziale Beziehung, die sich ausserhalb von schulischem Stress und Problemen des Heranwachsens verortet.

Diese neue Beziehungsqualität – Grosseltern als generalisierte Bezugspersonen – erfordert allerdings von der älteren Generation die Einhaltung zweier zentraler Grundregeln der inter­generativen Kommunikation: Zum ersten basiert die Qualität der Beziehung von Grosseltern zu heranwachsenden Enkelkindern nicht unwesentlich darauf, das intime Themen des Heranwachsens gezielt ausgeblendet werden. Zum zweiten ist – gerade bei heranwachsenden Enkelkindern – ein Engagement ohne Einmischung zentral. Dieses Prinzip erweist sich auch als zentral, wenn es um Projekte in Richtung ‚WahlGrosselternschaft’ geht.

 

Ein Blogbeitrag von Prof. François Höpflinger
, Soziologisches Institut der Universität Zürich (fhoepf@soziologie.uzh.ch)

 

Dazu eine aktuelle DRS 2-Radiosendung zum Thema Grosseltern , verfügbar auch als Podcast mit dem Titel: Die gesellschaftliche Dimension von Oma und Opa. 

Kommentar hinzufügen