Familie - Kernzelle der Gesellschaft

Donnerstag, 12.01.2012

Kein anderer Begriff aus dem alltäglichen Sprachgebrauch wird derart unterschiedlich interpretiert und derart ambivalent gelebt – Familie. Je nach  religiösem oder kulturellem Hintergrund sieht ihre Zusammensetzung anders aus, werden ihre Werte und Rituale anders gelebt. Es gibt viele Stimmen heute, die den Werteverlust der modernen Familie beklagen, andere wiederum sind erleichtert, nicht mehr starren gesellschaftlichen Konventionen ausgeliefert zu sein. Wiederum andere sehen in der Familie nach wie vor die Keimzelle unserer Gesellschaft. Die vergangenen vier Veranstaltungen des Forums für Universität und Gesellschaft zum Thema «Brüchiger Generationenkitt? Generationenbeziehungen im Umbau» zeigten bereits, dass Generationensolidarität in verschiedenen gesellschaftlichen Kernbereichen durchaus funktioniert. Auch in der Familie? Sind die Erwartungen, denen sie heutzutage ausgesetzt ist, nicht zu hoch? Hat sie sich tatsächlich im Laufe der Modernisierung gewandelt? Und wie sieht die Zukunft aus?

 

Familie – ein historisches Gefüge?

Betrachtet man familiäre Strukturen historisch – insbesondere unter dem Gesichtspunkt des Bedeutungsverlustes – wird schnell deutlich: Unser heutiges Bild von Familie, wie sie einst gewesen sein soll, ist ein trügerisches. Prof. Dr. Simon Teuscher vom Historischen Seminar der Universität Zürich zeigte anschaulich: Unser historisches, idealisiertes Bild der Familie gründet auf falschen Vorstellungen. Verwandtschaftsbeziehungen durchliefen in der Vergangenheit immer wieder Zeiten von scheinbarem Bedeutungsverlust. Im Italien des 14. Jahrhunderts war das «European Marriage Pattern» die Regel: Späte Heirat und die Gründung eines eigenen Haushaltes ausserhalb der Herkunftsfamilien, sind nicht erst mit der Moderne aufgekommen. Durchschnittliche Ehen dauerten dabei ähnlich lang wie heute: ca. 8-12 Jahre. Hauptgrund war die hohe Sterblichkeit. Die Folge davon waren sehr oft Singlehaushalte oder Mehrfach-Heiraten, Patchworkfamilien damit schon im Mittelalter der Normalfall. Die Kernfamilie wurde erst in einer kurzen Phase des 20. Jahrhundert gelebt, begünstigt durch gute medizinische Versorgung, wachsende Lebenserwartung und rigide Ehemoral.

Teuscher stellte in seinen Ausführungen klar: Die Familie hat im Verlauf der Geschichte viele Veränderungen erfahren – vordergründig bedingt durch Ressourcendenken. Heirat und Erbschaft spielten zentrale Rollen im Wandel von familialen Strukturen. War im frühen Mittelalter das egalitäre Erbrecht Gang und Gebe, wurde im späten Mittelalter – vorwiegend aus politischen Gründen – das patrilineale bevorzugt: Nur der älteste Sohn erbte. Erst im 19. Jahrhundert setzte sich das Prinzip der gleichen Verteilung durch, genauso wie die Verwandtschaftsehe. Im Zentrum stand hier das Kapital, das so in der Familie gehalten werden sollte.

Teuscher warnte eindringlich vor Analysen, die sich zu sehr an schematischen Familienbildern orientieren. Denn: «Früher war die Welt der Generationenbeziehungen keineswegs heiler».

Generationensolidarität – zwischen Tradition und Moderne

Ein Generationenbild der Gegenwart zeichnete Prof. Dr. Marc Szydlik, Leiter des Projektes «Generationen in Europa» an der Universität Zürich. Szydlik sprach in erster Linie über die Beziehung zwischen Eltern und erwachsenem Kind und wie Bedürfnisse und Opportunitäten beide Seiten der Beziehung beeinflussen. Heutige Generationenbeziehungen bewegen sich immer zwischen Konflikt und Konsens – aber nie ohne eine solidarische Basis. Konflikte sind stärker und häufiger im Kreis der Kernfamilie, nicht zuletzt, weil dort der Kontakt enger ist. Ein nicht zu unterschätzender Belastungsfaktor ist zudem die finanzielle Situation einer Familie. So belegen Szydliks Studien: In Wohlfahrtsstaaten finden sich Generationenkonflikte seltener. Aber auch dort gibt es markante Unterschiede. So sind die Chancen für Solidarität zwischen den Generationen bei Einheimischen weitaus höher als bei Zugewanderten.

Für den Wissenschaftler ist ganz klar: Generationensolidarität wird auch heute noch gelebt. Ein Generationenszenario, welches von Werteverlust und Intoleranz geprägt ist, wie es zahlreiche Buch-Ratgeber und die Medien vermitteln, ist fernab der Realität. Szydlik betonte, Konflikt und Solidarität können nebeneinander bestehen, auch ohne die Generationensolidarität zu gefährden.

 

Rituale und Traditionen sind wichtiger Bestandteil einer jeden Familie und spielen eine wichtige Rolle in der Generationensolidarität. Wie die Studien von Prof. Dr. Christoph Morgenthaler, Theologe an der Universität Bern, belegen, variieren diese aber nicht nur nach Kultur und religiöser Zugehörigkeit. Auch in der Mikro-Perspektive lassen sich Unterschiede ritueller Praktiken feststellen. Rituale wie Weihnachten, Geburtstage oder Familientreffen, aber auch Wochenenden oder Abendessen, werden von Kind, Vater und Mutter individuell wahrgenommen – in Häufigkeit, Ablauf aber auch in der symbolischen Bedeutung. So haben Mütter einen meist stärker ausgeprägten rituellen Drang, als der Rest der Familienmitglieder.

Familienrituale können für die Beteiligten Verschiedenes sein: Drang, Zwang oder Einklang. Eines sind sie aber immer: Wichtige Instrumente innerhalb der Familie um Zusammenhalt zu generieren. Sie bringen unterschiedliche Generationen in eine regelmässige, strukturierte und bedeutungsvolle Interaktion und können in Krisenzeiten stabilisierend wirken. Zudem fördern sie besonders bei Kindern den Aufbau der eigenen Identität und die Aneignung kultureller Kompetenzen. Aufgrund des hohen Verpflichtungscharakters, können Rituale aber auch Zwang sein. Nichtbeachtung oder Verletzung von Regeln führen nicht selten zu sozialen Sanktionen. Letztendlich tragen Rituale zum Austausch zwischen den Generationen bei und helfen so «das verletzliche Gewebe menschlicher Beziehungen von einer Generation zur nächsten weiter zu spinnen.»

 

Soll das Gut noch fliessen wie das Blut?

Schon Szydlik betonte, dass bei Erbschaften Konflikte innerhalb der Familie oftmals vorprogrammiert sind. Frau Prof. Dr. iur. Michelle Cottier nahm in ihrem Referat das Schweizer Erbrecht, seine Möglichkeiten und Tücken ins Visier. Die modernen Familienformen verlangen nach rechtliche Anpassungen, denn das heutige Schweizer Erbrecht anerkennt in erster Linie Statusbeziehungen. Patchworkfamilien sind damit klar im Nachteil. Im Todesfall sind primär die direkten Nachkommen und der/die Ehegatte/Ehegattin oder eingetragene(r) Partner/Partnerin begünstigt, selbst wenn diese nicht im Testament aufgeführt sein sollten. Danach folgen Eltern und deren Nachkommen, Grosseltern und deren Nachkommen.  Sind die neue Frau und Stieftochter einer Patchworkfamilie im Testament des Verstorbenen allein begünstigt, hat dennoch der direkte Nachkomme, z.B. der leibliche Sohn, Anspruch auf drei Viertel des Besitzes. Ein Viertel bleibt für die neue Familie übrig.

Die «Normalfamilie» und den sogenannten durchschnittlichen Erblasser gibt es heute nicht mehr. Familienformen haben eine starke Pluralisierung erfahren Gleiches gilt für die damit einhergehenden Werte. Das Erbrecht muss sich dieser Entwicklung und den daraus resultierenden Bedürfnissen anpassen. Die gesellschaftliche und juristische Auseinandersetzung um die normativen Grundlagen des Erbrechts steht laut Cottier noch aus, ist aber Bedingung für ein Erbrecht, das modernen Formen von Familie gerecht wird und die Generationensolidarität fördert. Die aktuelle Reformdebatte ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Gastbeitrag von Anina Lauber und Maja Hornik, Forum für Universität und Gesellschaft, Universität Bern

maja.hornik@fug.unibe.ch   anina.lauber@fug.unibe.ch    

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