Generationenkitt: Funktionieren Generationensolidarität und Generationenvertrag noch?

Donnerstag, 29.09.2011

Die Generationensolidarität funktioniert noch – so der Grundton der Einführungsveranstaltung des Projektes «Brüchiger Generationenkitt? – Generationenbeziehungen im Umbau», welches das Forum für Universität und Gesellschaft der Universität Bern diesen Herbst  lanciert. Fraglich ist nur, wie lange noch? Gesellschaftliche, soziale und kulturelle Entwicklungen verlangen nach innovativen Adaptionen. Nach einem humoristischen Einstieg durch den Slammer Remo Rickenbacher, öffneten fünf ExpertInnen aus verschiedenen Fachrichtungen einen breiten Fächer von Basisinformationen zur Generationenthematik.

 

Klassenkonflikt bedroht Generationenvertrag

Demographische Verschiebung, sich ändernde Familienformen und ein klar erkennbarer Wertewandel führen zur Leitfrage der Veranstaltungsreihe: Kann der in der Schweiz noch gültige Generationenvertrag bewahrt werden? Prof. Martin Kohli vom European University Institute, San Domenico di Fiesole, näherte sich der Frage auf staatlicher Ebene und erklärte, wie der «grosse Generationenvertrag» in der Schweiz funktioniert: Die aktive Bevölkerung unterstützt diejenigen die sich in von Abhängigkeit geprägten Lebensphasen (wie Kindheit und Alter) befinden durch finanzielle Transfers und sozialen Beistand. Besonders die Seniorinnen und Senioren sind als Hauptbegünstigte des Wohlfahrtsstaates zu nennen. Dies ist relativ unproblematisch, solange eine Umverteilung zwischen den Altersgruppen stattfindet. Altersgruppen haben im Gegensatz zu Generationen eine wechselnde Mitgliedschaft und sind insofern gerecht, als jeder die einzelnen Altersphasen durchlebt. Erst die Umverteilung, bzw. Ungleichheit zwischen historischen Generationen ist heikel, weil hier die Gleichberechtigung nicht mehr zwangsläufig gegeben ist. Zusätzlich verstärkt sich infolge der Individualisierung und Alterung der Gesellschaft, des Wandels des Arbeitsmarktes und der finanziellen Engpässe die Klassen-Ungleichheit auch innerhalb der Generationen. Deshalb stellt sich die Frage: Führt der Generationenkonflikt zurück zum Klassenkonflikt?

 

Intimität auf Distanz

Dass aber auch im «kleinen Generationenvertrag», also auf familialer Ebene, die Generationensolidarität keine Utopie ist, darin sind sich alle Referierenden einig. «Die familiale Sorge hat nach wie vor einen sehr hohen Stellenwert», so Prof. François Höpflinger vom Soziologischen Institut der Universität Zürich, der nicht an einen Zerfall familialer Generationenbeziehungen glauben möchte. Dieser Auffassung schloss sich auch Prof. Pasqualina Perrig-Chiello vom Institut für Psychologie der Universität Bern an, denn nahezu vier Fünftel der älteren hilfs- und pflegebedürftigen Menschen in der Schweiz würden zu Hause und hauptsächlich von ihren Angehörigen betreut. Dabei seien es vor allem die Frauen, die Pflegetätigkeiten übernähmen und dafür teilweise sogar beruflich kürzer treten. Umgekehrt betreuten Grosseltern regelmässig die Enkelkinder, «und dies nicht nur aus Liebe, sondern auch aus Notwendigkeit». Aber auch emotional sind die Generationen innerhalb der Familie stark verbunden. Erwachsene Kinder und ihre älteren Eltern leben oft nahe beieinander und stehen in regelmässigem Kontakt. So lassen Technologieentwicklungen und verbesserte Kommunikationsmöglichkeiten eine «Intimität auf Distanz» zu. Ob die Generationensolidarität auch in Zukunft gegeben sein wird, bleibt offen, denn die demographischen und gesellschaftlichen Veränderungen gefährden den noch funktionierenden Generationenvertrag. Trotzdem bleibt der Blick in die Zukunft positiv: Wichtig sei, dass die Solidarität zwischen den Generationen nicht bloss gefördert, sondern auch gesellschaftlich verankert werde, so Perrig-Chiello. Sie solle auf breiter Ebene thematisiert werden und vermehrt in intergenerationellen Projekten Eingang finden.

 

«Daheim» oder ins Heim?

Mit zunehmendem Alter steigt die Bedeutung der Wohnsituation, die Bevölkerung wird immer älter. Zudem lässt sich in der Schweiz eine Zunahme der Einpersonenhaushalte mit steigendem Alter beobachten. Neue Wohnformen sind gefragt. So steigt das Interesse nach Hausgemeinschaften, intergenerativen Wohnprojekten, neuen technologischen Entwicklungen und spezifischen Hilfestellungen. Für Dr. Margrit Hugentobler, Leiterin des ETH-Wohnforums in Zürich ist klar: Es braucht in Zukunft ein möglichst breites Angebot von Wohnmöglichkeiten und eine vielfältige Dienstleistungspalette an Wohnberatung und Serviceleistungen für Personen im fortgeschrittenem Alter wie auch eine generationengerechte Architektur.

 

Mehr Selbstbestimmungsrecht im neuen Erwachsenenschutzrecht

Gemäss Dr. iur. Ruth Reusser, ehemalige stv. Direktorin des Bundesamtes für Justiz in Bern, ist auch aus dem juristischen Blickwinkel eine grundlegende Erneuerung des bald 100-jährigen Vormundschaftsrechtes nötig. Denn veränderte Wertvorstellungen und das zunehmende Risiko, wegen höherer Lebenserwartung an Demenz zu erkranken zwingen zu rechtlichen Anpassungen. Zentrale Anliegen der per 1.1.2013 in Kraft tretenden Revision sind unter anderem die Förderung des Selbstbestimmungsrechts, die Stärkung der Solidarität in der Familie, der bessere Schutz urteilsunfähiger Personen in Einrichtungen, sowie die Professionalisierung der Behörden.

 

Von Maja Hornik und Anina Lauber, Forum für Universität und Gesellschaft, Universität Bern
maja.hornik@fug.unibe.ch
anina.lauber@fug.unibe.ch

 

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