Abtreten, bevor man anderen zur Last fällt?

Mittwoch, 19.03.2014

 

EXIT macht Werbung für eine weitergehende Liberalisierung des sogenannten Altersfreitodes. Propagiert wird ein illusionäres Menschenbild – als ob sich nicht jedes Leben im Spannungsfeld von Selbständigkeit und Abhängigkeit bewegen würde.

 

«Sterbehelfer machen Druck für Suizid gesunder Senioren», titelte die NZZ am Sonntag vor kurzem. Hintergrund der Meldung ist der Plan von EXIT, die Regelungen für den sogenannten Altersfreitod weiter zu liberalisieren. In Sachen Beihilfe zum Suizid ist die hiesige Gesetzgebung bereits sehr freizügig. Sie lässt die Tätigkeit von Organisationen zu, die sich, wie EXIT, für «das Selbstbestimmungsrecht des Menschen im Leben und im Sterben» einsetzen. Die Abgabe des todbringenden Medikaments durch eine Ärztin oder einen Arzt setzt allerdings eine medizinische Diagnose voraus, die ein starkes Leiden oder eine unheilbare Krankheit des oder der Sterbewilligen feststellen muss.

 

Wie viel Liberalisierung soll’s denn sein?

 

Diese Bestimmung ist EXIT zu restriktiv. Warum sollen, so heisst es im EXIT-Info, «nicht auch andere Faktoren wie z.B. Verlust des sozialen Netzes, Perspektivlosigkeit, Sinnentleerung etc. sowie das selbstbestimmte Vermeiden drohender Pflegeabhängigkeit und drohenden Autonomieverlusts als legitime Gründe für einen Sterbewunsch […] gelten». Ja, warum eigentlich nicht? Was kann eine freiheitliche Gesellschaft gegen den Wunsch einzuwenden haben, ein mehr oder weniger erfolgreiches Leben im Alter eigenhändig zu beenden? Die Abgebrühten mögen antworten: Ja, sollen sie doch abtreten! Dann sparen wir im Gesundheitswesen Kosten ein und den Erben bleibt mehr übrig. Zynische Geister gehen noch einen Schritt weiter: Warum nicht gleichen allen, die ein bestimmtes Alter erreicht haben (sagen wir: 80 Jahre), die Empfehlung erteilen, diesen Schritt zu vollziehen? Der englische Künstler und Filmemacher Peter Greenaway hat dies kürzlich, anlässlich einer Ausstellung über die Aktualität des Totentanzes in Basel, getan. Grösseres Aufsehen hat er damit nicht erregt. Anything goes?

 

Soll nicht den Zynikern das Feld überlassen werden, ist die Auseinandersetzung mit den Argumenten von EXIT unumgänglich. Ja, es gibt Menschen, die leiden im Alter - nicht in erster Linie unter körperlichen Gebrechen oder gewissen geistigen Einschränkungen, sondern daran, dass sie keinen Sinn mehr in ihrem Leben sehen. Der emeritierte St. Galler Soziologieprofessor Peter Gross unterstreicht in seinem Buch Wir werden älter. Vielen Dank. Aber wozu?, dass ohne Sinngebung das Alter «ein Schrecken» bleibe. Wer keinen Sinn erkennen kann, bringt sich entweder um – oder sucht danach.

 

Schwäche, Krankheit und Alter gehören zum Leben

 

Die Frage nach dem Sinn ist von jener nach den Beziehungen nicht zu trennen. Kaum ein Mensch findet für sich alleine einen Sinn. Er ist auf andere angewiesen: auf Menschen seiner Generation wie auch auf solche, die anderen Generationen angehören. Dieses Angewiesensein widerspricht der Vorstellung absoluter Autonomie – einer Vorstellung, die sich als Illusion erweist, auch wenn sie in einem als neoliberal zu bezeichnenden Menschenbild als oberstes Ziel propagiert wird.

 

Wenn Menschen anderen nicht «zur Last fallen» wollen, lässt sich das im konkreten Fall durchaus nachvollziehen. Doch wo kommen wir hin, wenn daraus eine Grundhaltung wird? Kleine Kinder fallen ihren Eltern «zur Last», Kranke den Gesunden, Leistungsschwache den Leistungsstarken, Alte den Jungen. Wer ist denn gegen Zustände der Schwäche, der Krankheit und gegen das Alter gefeit? Forever young – das geht eben nicht.

 

Die Humanität einer Gesellschaft misst sich nicht zuletzt daran, wie sie mit ihren Schwachen, Kranken und Alten umgeht. Wenn Menschen Angst davor haben, wegen Schwäche, Krankheit oder Alter ausgegrenzt zu werden, dann sollte das als Alarmsignal verstanden werden. Allzu billig wäre die Antwort: Dann verschwindet doch!

 

Wie denken Sie darüber?

 

Ein Gastbeitrag von Kurt Seifert, Pro Senectute Schweiz, Leiter Forschung und Grundlagenarbeit

(Foto: Pro Senectute Schweiz)

 

Weitere Informationen rund um den Generationendialog und das Zusammenleben der verschiedenen Generationen finden Sie in unserem Blog. Wieso wir uns für die Beziehungen zwischen den Generationen einsetzen lesen Sie hier

 

Kommentar

Christine Klumpp's picture

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Die städtische Kita Paradies ist ins Pflegezentrum Entlisberg eingebettet. Begegnungen zwischen den Generationen sind hier alltäglich und erhöhen die Lebensqualität für ALLE. Im KITAS Journal 3/13 ist ein Erfahrungsbericht zur intergenerativen Zusammenarbeit zu finden
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